RAIFFEISEN UND DAS WIEDISCHE FÜRSTENHAUS

Um die Verbreitung seiner ländlichen Darlehnskassen-Vereine weiter voran zu bringen, suchte Raiffeisen gezielt die Hilfe des Wiedischen Fürstenhauses:

  • in den Jahren 1863 und 1864 bei Fürst Hermann zu Wied,
  • in der Zeit von 1872 bis zu seinem Tod im Jahre 1888 bei Fürst Wilhelm zu Wied.

Vor allem mit Fürst Wilhelm verband ihn im gemeinsamen Bemühen um sozialen Fortschritt für die ländliche Bevölkerung wie auch für die Industriearbeiter eine wachsende Vertrautheit und Freundschaft. Raiffeisen nennt ihn den „hohen Protektor“ und macht so deutlich, dass der Aufbau seines ländlichen Genossenschaftssystems nur mittels der langjährigen großen Unterstützung durch den Fürsten gelingen konnte.

Fürst Wilhelm initiierte zahlreiche Hilfeleistungen, er befürwortete Raiffeisens Ideen zum Aufbau vom Raiffeisen-Genossenschaftssystem, er nahm Einfluss auf Behörden und Regierungen, leistete Fürsprache unterschiedlicher Art bei den entscheidenden Gremien und unterstützte den Aufbau der genossenschaftlichen Zentralinstitute durch umfängliche eigene Geldspenden.

Die Grundlagen zu diesen Hilfeleistungen waren:

  • Fürst Wilhelm ist in der Tradition seines Hauses mit den sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten des ländlichen Raumes vertraut.
  • In Fürst Wilhelm findet Raiffeisen eine sozial engagierte Persönlichkeit, deren Fundament wie bei Raiffeisen selbst im christlichen Glauben liegt.
  • Fürst Wilhelm sieht in Raiffeisens Wirken die Chance, die soziale Lage der Bevölkerung zu verbessern.
  • Fürst Wilhelm ist von der Leistungsfähigkeit genossenschaftlich aufgebauter Maßnahmen zur Selbsthilfe überzeugt.
  • Fürst Wilhelm war mit dem Kaiserhaus und dem Niederländischen Königshaus durch Verwandtschaft und Vertrauen außerordentlich gut vernetzt und hatte bedeutende politische Ämter inne, die ihm Einfluss in Staat und Gesellschaft verliehen (u. a. Mitglied des preußischen Herrenhauses und dessen Präsident 1897 bis 1904; Mitglied des Rheinischen Provinzial-Landtages in Düsseldorf; Präsident des „Deutschen Kolonialvereins“, „Deutschen Antisklaverei-Gesellschaft”).

Bemerkenswert ist die Reaktion Fürst Wilhelms auf die Nachricht von Raiffeisens Tod:
„Ich habe einen Freund verloren, von dem ich viel gelernt habe“.

Und bei der Einweihung des Raiffeisendenkmals in Neuwied 1902 sagt er:
Es sei ihm stets „eine Herzensfreude gewesen, wenn ich diesen Mann mit seinem Stöckchen vorsichtig den Weg suchend, in meinen Schlosshof einbiegen sah; denn dann kam er zu mir, um seine Gedanken, die ihm während der Nacht über die Organisation gekommen waren, zu erklären, und so entstand ein Gedankenaustausch, der zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens gehört“.