HISTORISCHER KONTEXT

Die sieben Jahrzehnte des Friedrich Wilhelm Raiffeisen waren Jahre von ungeheurer Dynamik, eine Zeit des Wandels und des Umbruchs. Und dies nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa. Altes hatte noch Bestand, Neues bildete sich daneben aber immer stärker aus. Die Lebensumstände, die jahrhundertelang für Arm und Reich ziemlich gleich und beständig geblieben waren, wandelten sich grundlegend und abrupt. Diese Veränderung erfasste alle Schichten der Gesellschaft, vor allem aber die Bauern auf dem Land und die Arbeiter in den frühen Industriezentren. Zwar fielen alte Fesseln weg, aber damit ging auch der patronale Schutz verloren.

Die Spanne von 70 Jahren, die Raiffeisens Leben umfasst, war zum einen eine Zeit der behaglich-privaten Idylle im kleinbürgerlichen Milieu des „Biedermeier“, aber auch eine Epoche, in der immer mehr Menschen politisches Bewusstsein entwickelten und von den Herrschenden Teilhabe an der Macht forderten. Es war noch die Zeit der Postkutschen, aber auch schon der Eisenbahn; die Zeit der politischen wie individuellen Befreiung, aber auch der Entstehung des Arbeiterproletariats und der Verelendung der Landbevölkerung. Die immer drängender werdende soziale Frage und der aufblühende Kapitalismus ließen Gegenbewegungen entstehen. Der Freiheitskampf mündete jedoch in die Zeit der politischen Reaktion und Unterdrückung.

Die Bauernbefreiung und die beginnende Industrialisierung des 19. Jahrhunderts brachten insbesondere den Menschen in ländlichen Gebieten eine nie gekannte wirtschaftliche Freizügigkeit und Eigenständigkeit. Da sie in wirtschaftlichen Dingen unerfahren waren, gerieten viele in die Abhängigkeit von Wucherern, verschuldeten sich hoch, verloren vielfach ihren Besitz und verarmten.

Veranlasst durch diese Not gründete Raiffeisen als junger Bürgermeister im sogenannten Hungerwinter 1846/47 in Weyerbusch den „Verein für Selbstbeschaffung von Brod und Früchten“. Mithilfe privater Spenden kaufte er Mehl; in einem selbst errichteten Backhaus wurde Brot gebacken, das auf Vorschuss an die Bedürftigen verteilt wurde. Der „Brodverein“ sowie der 1849 gegründete „Flammersfelder Hülfsverein“ und der „Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein“ von 1854 waren vorgenossenschaftliche Zusammenschlüsse auf karitativer Grundlage.

Nachdem Raiffeisen erkannt hatte, dass auf Dauer eine erfolgreiche Arbeit nur durch gemeinschaftliche Selbsthilfe wirksam sein konnte, gründete er 1864 den Wohltätigkeitsverein in den Heddesdorfer Darlehnskassen-Verein um. Damit entstand die erste ländliche Genossenschaft. Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte entwickelte sich auf Grundlage der Ideen Raiffeisens die leistungsfähige, für die Agrarwirtschaft und ländliche Bevölkerung unentbehrliche Raiffeisen-Organisation.

Bauernbefreiung

Die Bauern wurden aller Lasten und Pflichten ledig, die sie jahrhundertelang gegenüber ihren Grundherren hatten. Sie wurden Eigentümer ihres Grund und Bodens. Die Menschen in den ländlichen Gebieten erfuhren eine bislang nicht gekannte wirtschaftliche Freizügigkeit und Eigenständigkeit. Andererseits entfiel aber auch jeglicher Schutz und Schirm. Da die Bauern in wirtschaftlichen Dingen völlig unerfahren waren, gerieten sie schnell in neue Abhängigkeiten, verschuldeten sich und verloren vielfach ihren jüngst erlangten Besitz.

Industrialisierung

Neue Produktionsverfahren mit modernen Maschinen ließen die Wirtschaft auch in Deutschland boomen. Mit Industrialisierung und Massenproduktion veränderte sich die soziale Landschaft grundlegend. Aus ehemals selbständigen Handwerkern, Gesellen und der verarmten Landbevölkerung entstand ein Industrieproletariat.

Verelendung

Kinderarbeit, Lohndumping, Arbeitszeiten bis zu 18 Stunden am Tag, Fehlen jeglicher sozialer Absicherung in den Fabrik- und Industriestädten sowie Hunger, Verlust von Grund und Boden aufgrund von Kapitalmangel bei der Landbevölkerung führten zu sozialem Abstieg, Bildungsdefiziten und zur Verelendung. Goethe sprach in diesem Zusammenhang von der „Unbehaustheit der Menschen“, die in den Hinterhöfen der Städte ihr Leben unter schlechten Umständen fristeten. Viele sahen in der Auswanderung in die „Neue Welt“ ihre letzte Hoffnung.

Realerbteilung

Der Begriff Realerbteilung bedeutet, dass der Landbesitz einer Bauernfamilie unter allen Erbberechtigten aufgeteilt wurde. Dies führte zur Zersplitterung des Ackerlandes in eine Vielzahl kleiner und kleinster Parzellen, die für den Lebensunterhalt der Familien entweder gar nicht mehr oder nur knapp ausreichten.

Hungerzeit 1846 - 1848

Aufgrund widriger Wetterumstände sowie einer verheerenden Pilzerkrankung der Kartoffeln fiel die Ernte des Jahres 1846 in ganz Europa sehr schlecht aus. Bald waren überall die Vorräte aufgebraucht. Der überaus strenge Winter 1846/47, extreme Trockenheit im Herbst 1847 und starke Niederschläge im Sommer 1848 taten ihr übriges. Die Bauern waren gezwungen, sogar ihr Saatgut und ihr Zuchtvieh zu verzehren. Die Verkettung von ungünstigem Klima, Futtermangel, Viehverlust, Saatgutmangel und Ernteausfall führte schnell an den Rand der Existenz. Die sowieso schon karge Westerwaldgegend hatte unter diesen Bedingungen besonders zu leiden. Hunger und daraus folgende Erkrankungen hielten Einzug.

Wucher und Viehverleih

Geld zur Vorauslage für den Ankauf von Saatgut bzw. Vieh stand den Bauern kaum zur Verfügung. Bei den damaligen Banken hieß es: „Nicht kreditwürdig“. Wucherer tauchten auf; sie gaben den bedrängten Bauern Kredit bzw. stellten Vieh auf Leihbasis zur Verfügung. Die Bedingungen dafür waren ausbeuterisch. Nach ein paar Jahren waren der Wucherer Besitzer des Bauernhauses und des Viehs.„Ich kenne Gegenden, wo es Bauern gibt, die nichts ihr eigen nennen. Vom Bett bis zur Ofengabel gehört alles den Geldverleihern. Das Vieh im Stall gehört ihnen. Der Bauer bezahlt für jedes Stück Vieh seine tägliche Miete.“ (Otto Fürst von Bismarck)